Kein Plan? Kein Problem. Reverse Engineering im MAKERSPACE Carinthia

Alte Flugzeugteile, und kein einziger Konstruktionsplan dazu: Ing. Manuel Lesser baut im MAKERSPACE Carinthia Teile nach, die es nirgends mehr gibt. Hier erzählt er, wie aus einem alten Einzelstück ein digitales Modell wird und wann sich der Aufwand lohnt.

Angefangen habe alles vor neun Jahren, erzählt Manuel von r-cubic Mechatronics: mit einem eigenen 3D-Drucker und einer Ausbildung im 3D-Druck. Im FabLab der TU konnte er sein Wissen dann in der Praxis anwenden. Den entscheidenden Schub gab ein FFG-Forschungsprojekt: Ein Windrad sollte nachgebaut werden, als Vorlage gab es aber nur ein einziges Rotorblatt. Genau das ist Reverse Engineering. Man startet beim fertigen Teil und arbeitet sich Schritt für Schritt zurück zur Konstruktion.

Heute hat sich Manuel auf alte Flugzeugteile spezialisiert: Fahrwerke, Tragflächen, Steuer- und Motorkomponenten. Die Ausgangslage ist fast immer dieselbe. Keine Pläne, keine Daten, nur das Teil selbst. Viele dieser Bauteile wurden damals von Hand gefertigt und sind nicht genormt. Zwei Teile, die gleich aussehen, sind deshalb noch lange nicht gleich. Umso größer ist die Freude am Ende: „Es ist ein tolles Gefühl, wenn ein altes Teil wieder funktioniert!“

Der Scanner ist kein Kopierer

Einscannen, drucken, fertig? So stellen sich viele einen 3D-Scanner vor, weiß Manuel: oben rein, unten raus, wie bei einem Kopierer. In Wahrheit liefert der Scan nur eine digitale Rohfassung. Die muss am Computer nachgearbeitet werden, bevor ein Testdruck überhaupt Sinn ergibt. Ein halber Tag gehe dafür locker drauf, erzählt er.

3D-Scan und 3D-Druck seien eben nicht nur zeit-, sondern auch kostenintensiv. „Daher empfehle ich es wirklich nur für Teile, die man nicht mehr bekommt, oder für Liebhaberstücke, die man reparieren oder erhalten möchte“, sagt Manuel. Ein Beispiel ist ein nachgebautes Teil für einen Tischtennistisch: Fertig gekauft wäre es vermutlich günstiger gekommen.

Im Rückwärtsgang zum Bauplan

Manuel geht bei jeder Rekonstruktion in fünf Schritten vor:

  • Bestandsaufnahme: das Teil genau ansehen und verstehen, wie es aufgebaut ist und was es können muss
  • Daten erfassen: das Original vermessen, einscannen oder beides
  • Daten aufbereiten: die Scandaten auswerten und am Computer bereinigen
  • Neu konstruieren: die Einzelteile digital neu aufbauen und zu einer Baugruppe zusammensetzen
  • Optimieren: die Teile so anpassen, dass sie zuverlässig funktionieren, und wo möglich verbessern

Nach diesem Ablauf lasse sich grundsätzlich jeder Gegenstand aus dem Alltag rekonstruieren, sagt Manuel. Und Reverse Engineering kann mehr als 1:1-Nachbauten: Aus einem alten Teil kann auch eine angepasste Spezialkomponente werden.

       

Größe zählt eben doch

Wer sich im MAKERSPACE Carinthia einmietet, bringt oft auch eigenes Equipment mit. Bei Manuel ist das ein echtes Schwergewicht: ein 3D-Drucker im XXL-Format. „Ein 3D-Drucker in dieser Größenordnung ist schon was Besonderes, deswegen kommen Leute auch immer wieder zu mir, wenn sie mal was Großes drucken möchten.“ Manuel entwickelt seine Modelle also nicht nur, er druckt sie auch selbst. Damit haftet er auch für das Ergebnis: Jeder Millimeter müsse sitzen, und der Prototyp müsse stabil genug sein.

Drucken kann jede:r. Präzise drucken nicht.

Manuel stemmt nicht jeden Auftrag allein, er setzt auf ein gutes Netzwerk. „Gerade beim 3D-Druck ist der Einstieg inzwischen sehr einfach geworden. Trotzdem braucht es Übung und Expertise, um präzise und stabile Teile zu drucken.“ Genau dann werde er angefragt. Umgekehrt gebe er auch selbst Projekte weiter, wenn seine Expertise nicht reicht.

Was ihm mehr Spaß macht, altes Zeug retten oder bei null anfangen? Manuel findet beide Wege spannend. Ein altes Teil wieder zum Laufen zu bringen, ist das eine. „Aber wenn man von Grund auf was Neues macht, kann man sich voll ausleben und seine eigenen Ideen entwickeln und umsetzen.“

Du hast daheim auch ein Teil, das es nirgends mehr zu kaufen gibt? Im MAKERSPACE Carinthia stehen verschiedene 3D-Drucker bereit. Komm vorbei, und wir schauen gemeinsam, was sich aus deinem Einzelstück machen lässt. JUST DRUCK IT!